Barrierefreie Zukunftsperspektiven

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Die Aktion Mensch lud am 6. Mai zu einer Fachtagung zum barrierefreien Web in den Wissenschaftspark Gelsenkirchen. 300 Experten, Interessierte und Betroffene diskutierten „Konzepte und Zukunftsbilder für ein Barrierefreies Internet". In diesem Rahmen wurden anfangs die Ergebnisse einer breit angelegten Studie über die Nutzung von Web 2.0-Angeboten durch Behinderte vorgestellt, später dann der Startschuss für den renommierten BIENE-Award gegeben.

In 16 Workshops diskutierten die Teilnehmer fleissig mit eingeladenen Experten, manchmal hart am Thema des Workshops vorbei, aber immer mit dem Fokus auf das barrierefreie Internet.
Alle Workshops und die beiden Plenarveranstaltungen wurden live ins Internet gestreamt; die Zuschauer konnten nicht nur zuschauen, sondern auch kommentieren und nutzten dies auch hin und wieder. Insgesamt schauten etwa 2 500 Menschen der Veranstaltung über das Internet zu. Demnächst wird es alle Aufnahmen bearbeitet auch zum nachträglichen Schauen bzw. Download geben. Eine tolle Dienstleistung.

Die Workshops waren mit zwei Stunden ausreichend bemessen. Leider war es deshalb nur möglich zwei Zeitfenster anzubieten, so daß immer 8 Workshops parallel liefen und man demnach nur zwei Workshops vollständig mitbekommen konnte.

Das diskutierte Spannungsfeld war groß. Es reicht von der Frage der Wirtschaftlichkeit barrierefreier Angebote über die Herausforderung, benutzbare, attraktive und barrierefreie Oberflächen zu erzeugen bis zu technischen Detaillösungen bei Formularen.
In den beiden von mir besuchten Workshops blieb die Diskussion erfreulich grundsätzlich. So wurden gemeinsame Visionen fomuliert, Erfahrungen, Meinungen und Ideen ausgetauscht. Allerdings krankte diese Veranstaltung natürlich an der Tatsache, daß zu Konvertierten gepredigt wurde, nicht an Sünder. Doch das liegt in der Natur solcher Veranstaltungen, die dieses Problem mit Parteitagen gemeinsam haben.

Neben vielen Wünschen und Aufforderungen an Hersteller von Hilfsgeräten gab es auch einige Ideen, die direkt in die Praxis umgesetzt werden können. Eine immer wieder gehörte Befürchtung war, daß barrierefreie Webseiten in der Erstellung zu teuer würden. Ein berechtigter Einwand gegen diese Befürchtung war, daß ein großer Teil der Kosten entstünden, weil Barrierefreiheit erst am Ende eines langen Abstimmungsprozesses als Zusatzfeature eingeplant würde. Notwendige Änderungen wären dann zu teuer oder vielleicht sogar unmöglich.

Die klare Forderung von Jo Spelbrink, der die anderen beiden Experten beipflichteten, war, die Barrierefreiheit von Beginn an in den Planungsprozess einer Webseite einfließen zu lassen. Am besten seien seiner Meinung nach interdisziplinäre Teams dafür geeignet.
Spelbrink hatte auch ein interessantes Beispiel, wie eine barrierefreie Webseite sogar neue, ungeahnte Nutzerschichten erschließen kann. Ein österreichischer Radiosender hatte den Wunsch, seine Sendungen auch für Gehörlose und Hörgeschädigte zugänglich zu machen. Eine auf den ersten Blick absurde Idee. Im Internet wurden die Sendungen zum Nachlesen aufbereitet. Dieser Service wird nun auch sehr gerne von Nicht-Behinderten genutzt. Die Zielgruppe wurde so erweitert.

Markus Angermeier (kosmar) wies zudem darauf hin, man solle Barrierefreiheit nicht als Brücke, sondern eher als breiten Eingang für alle verstehen - ein schönes Bild. Mehrfach wurde auch thematisiert, ob man unterschiedliche Versionen einer Webseite aus Gründen der Barrierefreiheit ausgeben solle. Es war weitestgehend Konsens, daß man für geistig Behinderte eine Sonderversion in „Einfacher Sprache" erstellen könne.

Für alle anderen Behinderungsgruppen scheint dies nicht gewünscht zu sein. Die Studie der Aktion Mensch wies darauf hin, daß Behinderte viele Strategien entwickelt hätten, mit den bestehenden, nicht barrierefreien Seiten umzugehen, mithin also keine unmittelbare Notwendigkeit bestünde. Die Stadt Mönchengladbach hat wohl auch diese Erfahrung gemacht. Die bislang angebotene Nur-Textversion wird nur von etwa 1% der Besucher genutzt, Sie wird dementsprechend den nächsten Relaunch nicht überleben. Es scheint einen Sinn zu haben, daß in der BITV ausrücklich eine Nur-Textversion als nicht ausreichend erwähnt wird.

Der nachmittägliche Blick in die mögliche und wünschenswerte Zukunft des Web blieb leider im Ungefähren. Die interessanteste Erkenntnis war für mich, daß zwar viele technische Lösungen zur Überwindung von Barrieren denkbar, nicht alle aber gewünscht sind. Auf die Idee, Avatare in Zukunft Inhalte in Gebärdensprache übersetzen zu lassen, gab es vehemente Einsprüche der anwesenden Betroffenen. Sie wünschen sich keinen künstlichen Gebärdendolmetscher, bauen stattdessen auf die sozialen Aspekte des Web. Ein Vorgehen nach Vorbild der Wikipedia wäre vorstellbar.

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1 Kommentare

Ich bin gespannt, ob die nächste EfA-Tagung Workshops ebenfalls in dieser Länge und in dieser Form ansetzt. 2 Stunden fand ich persönlich zu viel angesichts der Tatsache, dass in den Workshops nichts erarbeitet wurde -- vielleicht mit Ausnahme des Fazits. Wir beide haben den Workshop, den wir zusammen besucht hatten, ja auch nicht die ganze Zeit über mit höchster Spannung und Aufmerksamkeit verfolgt. ;-)

Dass in dem konkreten Fall nur 1% der Nutzer die Textversion nutzen, ist für mich sowohl eine Überraschung als auch eine Bestätigung dafür, dass Parallelauftritte, die sich an eine bestimmte Zielgruppe richten (sollen), unsinnig sind.

Ich fand es ebenfalls sehr interessant, dass viele Betroffe Avatare ablehnen. In den meisten Fällen ist es nicht bezahlbar, eine Website in Gebärdensprache zu übersetzen (die Schätzung für jendryschik.de lag ganz grob bei 100.000 EUR), also kann es nur über den pragmatischen Weg gehen. Pragmatik ist ein Stichwort, das ich aus der Tagung mitgenommen habe. Das Beispiel »leichte Sprache« aus meinem Workshop hat das ganz gut gezeigt: Eine Website in leichte Sprache zu übersetzen, ist für die meisten Websites ebenso undenkbar wie deren Übersetzung in Gebärdensprache, also müssen pragmatische Lösungen her: einfacher formulieren, kurze Sätze, keine Verschachtelungen von Sätzen, aktive Formulierungen, weniger Fremd- und Fachwörter und vieles mehr.

Deinem Artikel hinzufügen möchte ich, dass die Tagung nicht nur fachlich, sondern vor allem menschlich den Besuch wert war. Ich habe mich gefreut, dich auch »im wahren Leben« mal zu treffen (was du beim Abschied wohl gemerkt hast, sorry, es überkam mich einfach ;-), und habe an diesem Tag viele interessante Gespräche geführt und noch mehr nette, kompetente Webworker (im weitesten Sinne) getroffen.

MI (der sich angesichts des frechen rel="nofollow" und des nahezu unlesbaren Captchas fragt, ob er den Kommentar überhaupt abschicken soll)

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